Eine Chronik

Es ist ein früher Morgen im Juli 1943. Gerade hat es einen schweren Bombenangriff auf Krefeld gegeben. Die 20-jährige Luise Schieri verlässt ihr Zuhause in der Marktstraße und rennt den völlig zerstörten Ostwall hinauf. Nirgendwo ist ein Mensch in Sicht, überall nur Feuer und Asche. Endlich erreicht sie ihr Ziel: die Hausnummer 29, die damalige Adresse der Krefelder Musikschule. „Nach den Bomben bin ich sofort los. Als ich ankam, brannte schon die oberste Etage, das waren die Privaträume der Familie des Schulleiters Mönkemeyer“, sagt die heute 86-Jährige. Else Mönkemeyer und ihre Kinder sind bereits zu einem Nachbarn geflüchtet. Im Lauf des folgenden Tages verbrennt das gesamte Gebäude mitsamt Instrumenten und Noten. Zumindest mit fast allen Noten. Denn Luise Schieri und Else Mönkemeyer beweisen Mut und retten, was zu retten ist: „Nachdem wir die Kinder von Herrn Mönkemeyer in mein Bett gelegt haben, sind wir zurück zum Ostwall gelaufen. Überall lagen Notenblätter herum. Ich habe meinen Mantel auf dem Boden aus gebreitet, wir haben alle Papiere aufgesammelt die wir kriegen konnten und hinein gelegt“, erinnert sich Schieri. Durch ihren Einsatz (und die Opferung ihres einzigen Mantels) konnte Luise Schieri wenigstens einen Teil des Inventars retten. Helmut Mönkemeyer hat die Zerstörung „seiner“ Musikschule nicht miterlebt: er war im Krieg. Nach dessen Ende und seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft 1947 übernimmt er wieder die Leitung.

Helmut Mönkemeyer beim Musikunterricht. Das Bild stammt aus der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Musikschule.

Die Geschichte der Krefelder Musikschule beginnt fünf Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, nämlich 1934.

Anfang der dreißiger Jahre wird Walter Meyer-Giesow Generalmusikdirektor der Stadt Krefeld. Unter ihm entsteht die Idee einer „Volksmusikschule“. Er holt Helmut Mönkemeyer nach Krefeld, bis dahin Orchesterleiter und Musikerzieher in Oberhausen, und beauftragt ihn mit der Gründung einer städtischen Musikschule. 1934 nimmt Mönkemeyer seine Arbeit auf. Zunächst noch in bescheidenem Kreis: „Der erste Jahresetat betrug 3600 Mark, die Vergütung des Leiters eingeschlossen. Es standen weder Räume noch Lehrmittel zur Verfügung, von Mitarbeitern ganz zu schweigen. Im Wohnzimmer des Leiters fanden die ersten Singabende statt, doch bald wurde der Raum zu eng.“ Das schreibt Mönkemeyer in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum. Stundenweise darf die Aula der Realschule Viktoriastraße (später durch einen Luftangriff zerstört) genutzt werden, doch auch die ist den Schülerzahlen bald nicht mehr gewachsen. Ein eigenes Gebäude muss her. Das bezieht die Musikschule noch im Gründungsjahr an der Bismarckstraße 51.

Luise Schieri, damals noch ein kleines Mädchen, ist von Anfang an mit dabei. Als Kind einer Arbeiterfamilie können sich ihre Eltern eine teure Musikerziehung nicht leisten. Aber das spielt keine Rolle: Gerade mal zehn Pfennig müssen die Kinder zu jeder Stunde mitbringen. Im Austausch gibt es gemeinsames Singen, Bildung und Notenblätter. „Aus denen wurde später das Krefelder Liederbuch“, sagt Schieri.

Zu dieser Zeit macht der Chor der Schule bereits bei verschiedenen Veranstaltungen auf sich aufmerksam. Luise Schieri erinnert sich an die Konzerte: „Ich sehe uns noch mit den langen Zöpfen in der Reihe stehen. Unser Chor wurde durch den Städtischen Singverein verstärkt, dass war ein großes Ereignis.“

Bald muss die Musikschule ihre neue Heimat im Bismarckviertel wieder verlassen. Helmut Mönkemeyer beschreibt den Grund des Umzugs so: „Nachdem unter großen Opfern im Dachgeschoss des Gebäudes in der Bismarckstraße ein Saal errichtet worden war, kam eine mächtigere Stelle (...) auf die Idee, das Gebäude für sich gebrauchen zu können.“ Luise Schieri findet deutlichere Worte: „Der Kreisleiter hat uns rausgeschmissen.“

Gemeinsames Musizieren und Erleben, das stand in den dreißiger und vierziger Jahren im Vordergrund des Musikschullebens.

Von da an ist die Musikschule am Ostwall 29 zu Hause, im so genannten Schwenschen Haus. 1942 bekommt die Musikschule Zuwachs: Nach dem Tod Carl Piepers, dem Direktor des Krefelder Konservatoriums, wird dieses mit der Musikschule vereinigt. Das Konservatorium ist im Jahr 1882 gegründet wurden, von 1906 bis 1943 befand es sich am Westwall. „Nicht nur Noten und Bücher, auch die Lehrer wurden übernommen. Es konnte jetzt in viel mehr Fächern unterrichtet werden“, sagt Schieri, die zu diesem Zeitpunkt bereits als Sekretärin an der Musikschule tätig ist.

Die Musikschule gliedert sich jetzt in drei Bereiche: Jugendmusikschule, Volksmusikschule und Orchestermusikschule. Ziel der Orchestermusikschule ist laut einer Schrift über die „Musikschule für Jugend und Volk der Stadt Krefeld“ „die fachliche Vorbildung für den Beruf eines Orchestermusikers.“ Hier wird nur der aufgenommen, der mindestens 14 Jahre alt ist, eine Aufnahmeprüfung besteht und 20 Reichsmark pro Monat bezahlen kann. Die Ausbildung dauert vier Jahre, nach der Abschlussprüfung kann die Aufnahme an ein städtisches oder staatliches Orchester oder ein weiteres Studium an einer Hochschule für Musik erfolgen.

Der zweite Weltkrieg bleibt für die Angehörigen der Musikschule oft außen vor. „Es war eine Flucht vor den furchtbaren Dingen um uns herum. Da gab es gleichgesinnte Menschen. Die Musikschule war ein Unterschlupf für alle, die nicht ins System passten, ob Mennoniten, Pfarrerstöchter oder Kinder mit jüdischen Elternteilen“, sagt Schieri. Natürlich gab es oft Bombenalarm: „Wir sind dann in den Keller gegangen und haben Bach-Motetten gesungen. Die Nazis mochten ja keine geistliche Musik, das war also die richtige Gelegenheit“, erinnert sich Elinor Gleitsmann, eine Mitschülerin von Luise und spätere Lehrerin an der Musikschule. Überhaupt schienen sich die Nazis für das, was in der Musikschule geschah, nicht sonderlich zu interessieren, solange nur der Schein gewahrt wurde. So war Helmut Mönkemeyer niemals ein Mitglied der NSDAP. „Und keiner hat‘s gemerkt“, könnte man sagen. „Allerdings musste er diese schreckliche braune Uniform tragen“, erzählt Schieri.

Die Musikschule gibt nicht auf

Leider währt dieser scheinbare Friede nicht lange: Im Juli 1943 gehen sowohl die Musikschule am Ostwall als auch das Gebäude am Westwall bei einem Bombenangriff in Flammen auf. Aber die „unglaubliche Gemeinschaft“, an die Schieri sich so gerne erinnert, gibt auch jetzt nicht auf. Lehrer und Schüler werden auf verschiedene Schulen verteilt, der Unterricht geht weiter. „Wir haben sogar ein Klavier aufgetrieben. Ich weiß gar nicht, wo wir das her bekommen haben“, sagt Schieri. Die Orchesterschule wird nach Dresden evakuiert. Viele Mitglieder kommen dort bei Bombenangriffen ums Leben.

1945 endet der schreckliche Krieg endlich. Die Amerikaner kommen nach Krefeld, auch in die Josefschule, eines der damaligen „Flüchtlingslager“ der Musikschule. Auch hier beweist Schien den ihr üblichen Einsatz: „Als die Amerikaner aus der Schule auszogen, bin ich sofort dahin. Als ich einen Soldaten gesehen habe, der sich mit einer Bratsche unter dem Arm davon machen wollte, habe ich ihm das Instrument weggenommen und gesagt: „So geht das aber nicht.“ Der Soldat ließ sie gewähren, wahrscheinlich überrumpelt von dem energischen Auf treten der jungen Frau.

Mönkemeyer dirigiert ein Schülerorchester vor Haus Schönhausen

 Eine neue Heimat

1948 bezieht die Musikschule die „Sockenburg“, besser bekannt als „Haus Schönhausen“ an der Uerdinger Straße, den Bau des Strumpffabrikanten Karl Hügel.

Für Mönkemeyer ist es ein „Wunder“, Schönhausen zu bekommen. Denn damals liebäugelt auch eine Mädchenschule mit dem Gebäude. „Der damalige Oberstadtdirektor sagte zu uns „Jetzt zieht mal ganz schnell da ein“, erinnert sich Schieri. Gesagt, getan. Die Musikschule hat wieder eine Heimat in Krefeld.

1951 verlässt Luise Schieri die Musikschule, an der sie zuletzt auch als Lehrerin tätig war. Mit ihrem Mann zieht sie nach Köln. Elinor Gleitsmann hat 40 Jahre lang an der Musikschule Krefeld Klavier und Blockflöte unterrichtet. 1946 beginnt sie ihr Studium in Köln. Trotz fehlender Infrastruktur macht sie sich jeden Morgen auf den Weg zur Hochschule. „Ich bin immer um fünf Uhr aufgestanden und zum Bahnhof gegangen und guckte, ob und wann was fuhr.“ Fahrpläne gab es nicht, es wurde genommen, was kam, egal ob Güter- oder Passagierzug. Gleich nach dem mit Auszeichnung bestandenen Staatsexamen fängt Gleitsmann Anfang der fünfziger Jahre an der Krefelder Musikschule an, zunächst nebenamtlich mit nur fünf Schülern.

Langweilig wurde ihr das Unterrichten nie: „Jeder ist verschieden. Ich habe immer die schwierigen Schüler bekommen. Es interessierte mich immer sehr, jungen Menschen Freude an der Musik zu vermitteln.“

Neue Zeiten, neue Probleme

1951 beginnen Auseinandersetzungen der Musikschule mit dem Krefelder Tonkünstler- und Musiklehrerverband (TMV), einer Vereinigung freiberuflicher Musiker und Musiklehrer. Diese Konflikte haben zur Folge, dass bis zum Ende der fünfziger Jahre nur bestimmte Instrumente an der Musikschule unterrichtet werden: Fidel, Gitarre und Blockflöte, die so genannten Volksinstrumente. Außerdem gibt es noch Orchesterarbeit, Spielkreise und Chorgesang. Die Lehrer des TMV legen ihren Schwerpunkt auf Klavier, Sologesang und die klassischen Orchesterinstrumente. Zu dem Konflikt kommt es, weil die städtische Musikschule, ermöglicht durch finanzielle Zuschüsse, Instrumentalunterricht zu niedrigen Honorarsätzen anbietet. Da kann die Privatlehrerschaft nicht mithalten. Zudem stellt sie die „Qualifikation der Musikschule zur Erteilung von Instrumentalunterricht in Zweifel“ (Westdeutsche Zeitung, 30. April 1951). Der Kulturausschuss der Stadt Krefeld gründet einen Unterausschuss zur Klärung der Problematik, das Ergebnis ist oben genannte Beschränkung. Die Musikschule kümmert sich fortan um dass, was sie zuvor sowieso schon als ihre Hauptaufgabe angesehen hat: Möglichst vielen Menschen das Musizieren nahe zu bringen. Aus diesem Wunsch heraus tritt Mönkemeyer 1952 mit neuen Instrumenten an die Öffentlichkeit: Quintfidel, Ventilposaune und Oktavgitarre. Diese Instrumente sollen leicht zu spielen sein und viele junge Menschen, denen es an Geduld oder Talent fehlt ein „richtiges“ Instrument zu erlernen, zum Musizieren bewegen. Dr. Twittenhof, damaliger Leiter der Jugendmusikschule Dortmund, drückt es in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum der Krefelder Musikschule so aus: „Das Bewusstsein, Dilettant zu sein, sollte ihn (den Laien) nicht stören“. 1959 feiert die Musikschule ihr 25-jähriges Bestehen mit einer Reihe von Konzerten. Die bleiben nicht ohne positive Wirkung: Der Jahresetat wird erhöht, es gibt wieder Unterricht für alle Instrumente. Die Schülerzahl steigt unaufhörlich: 1964 wird die 1000er-Marke geknackt, Ende der sechziger Jahre unterrichten neun hauptamtliche und 15 nebenamtliche Lehrer insgesamt 1445 Schüler. Der Erfolg bedeutet auch, dass es zu Platzproblemen kommt. Erste Zweigstellen werden in Haus Sollbrüggen, im Uerdinger Klöske und in der Maria-Sybilla-Merian-Schule eingerichtet.

Ulrich Becker, ganz rechts auf dem Bild, in jungen Jahren.

Abschied von Mönkemeyer

1970 geht Helmut Mönkemeyer in Pension. Insgesamt war er knapp 40 Jahre als Leiter der Musikschule tätig. Seinem unermüdlichen Einsatz hat nicht nur die Musikschule viel zu verdanken. Auch ihre Angehörigen denken gerne an ihn zurück: „Mönkemeyer habe ich alles zu verdanken‘ sagt der ehemalige Musikschüler Ulrich Becker. „Mein erstes Instrument war Geige, das war aber nicht so mein Fall. Herr Mönkemeyer kam zu mir und meinte: „Ich habe den Eindruck, du bist für ein Blasinstrument besser geeignet“. Damals gab es Oboe als neues Fach und die Schule hatte gerade zwei Instrumente gekauft. Mönkemeyer gab mir eins davon und sagte: „Mach erstmal.“ So musste ich keine Oboe kaufen.“ Ulrich Becker ist heute Solo-Oboist bei den Münchener Philharmonikern.

Auffallend ist die Veränderung in den Schülerzahlen Anfang der siebziger Jahre: Gibt es 1969 noch 1445 Schüler, sind es 1973 nur noch 779. Im Mai 1972 titelt die Rheinische Post: „Um die Musik schule sieht‘s finster aus: Immer weniger Raum für mehr Schüler“. Die Außenstelle der Musikschule im Uerdinger Haus Rheinhorst mit 112 Schülern und Lehrern muss geräumt werden. Während 1000 Namen auf der Warteliste stehen, verzögert sich der Bau eines dringend benötigten Pavillons und der Umbau der Musikschule. Dazu kommt noch, dass der Musikschule ihr Landeszuschuss in Höhe von 16000 Mark von der Stadt entzogen wird. Nach Fischbachs Weg gang leitet Ferdinand Bruckmann die Musikschule kommissarisch. In dieser Zeit entsteht endlich der Pavillon hinter Haus Schönhausen.

Neue Wege

1993 geht Reinhold Rogg in Pension, 1994 übernimmt Ulrich Heimann die Leitung. In der Festschrift zum 60-jährigen Jubiläum schreibt er: „Gerade in einer Zeit sich rasant verändernder gesellschaftspolitischer und ökonomischer Rahmenbedingungen wird die Musikschule in bildungskultureller und sozialer Hinsicht einen noch höheren Stellenwert erhalten. Die Musikschule müsse sich neu anpassen und dies sei zu erreichen durch „Intensivierung der Breitenarbeit in der Elementarerziehung, durch Kooperation mit allgemeinbildenden Schulen, (...) verstärktes musikpädagogisches Engagement mit allen gesellschaftlichen Gruppen (...)‚ den Senioren, den Behinderten, den ausländischen Mitbürgerinnen und -bürgern. Das Gesicht der Musikschule wird sich stark verändern und somit seinen Platz behaupten.“

Die Richtung, die Heimann einschlägt, ist zukunftsweisend. Als Ralph Schürmanns 2007 die Leitung der Schule übernimmt, geht er, nachdem er bereits zehn Jahre als stellvertretender Schulleiter die Entwicklung der Schule an Heimanns Seite begleitet hat, mit der Schule weiter in die eingeschlagene Richtung. Zu den neuen Projekten zählen: Elementare musische Erziehung an Kindertagesstätten, Musikunterricht für Behinderte und Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen.

Einige Räume von Haus Sollbrüggen an der Uerdinger Straße werden der Musikschule zur Verfügung gestellt.

Als Reinhold Rogg seine Stelle antritt, stellt er zwölf neue hauptamtliche Lehrkräfte und 15 nebenamtliche Lehrer ein. Den verbleibenden Mietern in Haus Sollbrüggen wird gekündigt und die Musikschule bezieht nach und nach diese Räumlichkeiten. Unter Mithilfe des Denkmalpflegers Klaus Pauwelen entsteht ein Gesamtkonzept zum Umbau von Sollbrüggen. Dessen Abschluss und Einweihung muss aber bis ins Jahr 1982 warten. 1975 zählt die Musikschule 2004 Schüler. Das liegt neben dem erweiterten Angebot an Lehrkräften und Raum allerdings auch daran, dass die eigenständige „Krefelder Sing- und Chorschule“ mit der Musikschule fusioniert. Der Krefelder Kulturdezernent hatte diese Fusion als unerlässlich empfunden, um den Ausbau der Musikschule zu rechtfertigen. 1975 entsteht eine Zweigstelle im Bockumer Rathaus.

Frank Plieninger (ganz links) als Schüler der Musikschule.

Dort hat Frank Plieninger den ersten Kontakt zur Musik. Wie viele andere beginnt auch er als Kind mit der musikalischen Früherziehung, danach spielt er Geige. Der Unterricht findet in besonderer Atmosphäre statt: „Meine Lehrerin musste ihre Haushälterin pflegen, die bettlägerig war. Daher hat der Unterricht bei ihr zu Hause stattgefunden. Samstags haben wir Quartett gespielt, oft im Zimmer der alten Dame, damit sie ein bisschen Unterhaltung hat“, erzählt er. Heute ist Plieninger Geiger bei der Frankfurter Oper. Sein Beruf macht ihm große Freude, auch wenn das nicht-musikalische Umfeld oft ganz erstaunt darüber ist, dass „Geiger“ ein „richtiger Beruf“ ist und eine Nachbarin ihn einmal ansprach mit den Worten: „Sie spielen doch Posaune oder was!“

Mary Poppins, 1991 im Musiktheater.

Unter Reinhold Rogg macht die Entwicklung der Krefelder Musikschule einen großen Schritt nach vorne. Anfang der achtziger Jahre werden weitere Zweigstellen in Fischeln, Hüls, Uerdingen, Forstwald und Gartenstadt eröffnet. Es kommen neue Schwerpunkte hinzu: Blasorchester, Percussion und eine elektronische Abteilung. Zwei Jahre später, 1984, werden neue Projekte für Grund- und Hauptschulen entwickelt: Spielmannszug, Akkordeon, Mandoline. Das Musiktheater entsteht 1989.

 

 

Haus Sollbrüggen

„Der zunehmende Ganztagsbetrieb an den Schulen macht es für die Kinder nicht einfacher, außerschulische Aktivitäten wahrzunehmen“, sagt Jan Raderschatt, seit knapp zwei Jahren an der Musikschule als stellvertretender Leiter tätig. Und wenn die Schüler nicht zur Musikschule kommen können, dann muss die Musikschule eben zu den Schülern kommen. Seit 2009/2010 können an Krefelder Grundschulen Streichinstrumente, Blasinstrumente und Gitarre erlernt werden. „Wir haben zurzeit Unterrichtsangebote an 51 externen Standorten sagt Raderschatt. Die Nachfrage an den Schulen nach dem Musikunterricht ist groß: „Es gibt insgesamt 250 Plätze, aber 500 Anmeldungen. Die Schulleitungen entscheiden per Losverfahren, wer einen Platz bekommt. Ideal ist das nicht“, sagt der Vize. „Das Angebot müsste eigentlich ausgeweitet werden.“

M.U.K.E. (Musik und kulturelles Engagement) heißt das Programm an den Grundschulen. „Musikalisierungsmaßnahme“, sagt Raderschatt und klingt, als würde er „Alphabetisierungsmaßnahme“ sagen. Denn Musizieren zu lernen sei für ein Kind genauso elementar wie Lesen und Schreiben zu lernen. Musikmachen beeinflusst das Sprechen, Denken, die ganze Persönlichkeit. „Wenn man Musik macht, muss man sich mit sich selbst auseinandersetzen. Diese Erfahrung ist für die Kinder sehr wichtig. Sie unterstützt sie auch in anderen Bereichen des Lebens“, sagt der Vize. Vorbild von M.U.K.E. ist die NRW-Initiative Jedem Kind ein Instrument (JeKi). Doch während das Land JeKi im Ruhrgebiet finanziert, muss Krefeld die Kosten selbst tragen. Vermehrter Unterricht an den Schulen hat einen weiteren Vorteil: „Wir kriegen die Eltern aus den bildungsferneren Schichten an die Musikschule. Deren Kinder kämen sonst nie an ein Instrument“, sagt Raderschatt.

Doch die „Musikalisierung“ beginnt nicht erst mit der Grundschule: An Krefelder Kindertagesstätten gibt es das Projekt „Musik macht stark“. Einmal in der Woche genießen die Kinder EMU-Unterricht (Elementare musische Erziehung). Es wird rhythmisches Sprechen geübt, getanzt und gesungen. Außerdem üben sich die Kinder im Umgang mit den Orff`schen Instrumenten. Weil es „Musik macht stark“ auch an Kitas geben soll, an denen die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können oder wollen, wurde ein Stipendienfonds eingerichtet. Das neueste Projekt der Musikschule ist die „Musik-Safari“: Ein altes Feuerwehrauto wurde zum Musikmobil umgebaut und fährt jetzt Grundschulen an.

Ein besonderes Anliegen ist Raderschatt die Integration behinderter Menschen in die Musikschule. „Hier gibt es einen starken Bedarf“, sagt er. Zusammen mit Schlagzeug-Lehrer Reinhard Ingenpaß engagiert sich Jan Raderschatt bei „Rock am Ring“. Bei dem Lebenshilfe-Projekt handelt es sich um eine Rockband, bestehend aus Menschen mit Behinderung. Außerdem startete im Frühjahr dieses Jahres ein Musicalworshop für behinderte Menschen. Einmal im Monat treffen sich seither die Teilnehmer für ein ganzes Wochenende und üben sich in Gesang, Tanz, Percussion und an verschiedenen Instrumenten.

Einen etwas anderen Blickwinkel auf das Musikschulleben hat der „Burgherr“, Hausmeister Ulrich Schemann. Er hat am städtischen Theater eine Lehre als Tischler absolviert und hält seit fünf Jahren Schönhausen und Sollbrüggen in Schuss. Ob es schön ist, den ganzen Tag von Musik umgeben zu sein? Na klar. Aber manchmal auch schwierig, nämlich „wenn ein paar Wochen nach den Sommerferien die ersten Martinslieder einstudiert werden, oder die erste Geigenstunde, besonders im Sommer, wenn die Fenster offen stehen“.

Weder Krieg, noch Bomben, noch Raum- oder Geldnot konnten das Wachstum der Musikschule aufhalten. Hatte sie im Jahr ihrer Gründung 226 Schüler, sind es heute über 2200. Den immer neuen Herausforderungen einer sich ständig verändernden Gesellschaft konnte sie sich stets anpassen und hat sich zu einer festen Größe etabliert, die aus Krefeld nicht mehr wegzudenken ist. Die Musikschule war in ihren jungen Jahren geprägt von der Jugendmusikbewegung. Es ging in erster Linie um das gemeinsame Singen und Erleben, darum, aus einer engen Wirklichkeit zu entfliehen. Heute ist die Musikschule ein modernes Institut mit einem breit gefächerten Ausbildungsangebot von klassischen Instrumenten bis Musiktheater. Eines aber hat sich nicht verändert: Das Anliegen der Musikschule, vielen Menschen zu vermitteln, welch eine Freude es ist, selbst Musik zu machen.

Bericht von Jana Maesmann aus der Festschrift - 75 Jahre

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